Wer keinen Platz findet, hat von der Bestnote wenig

Leoben freut sich über ein „1A“-Zeugnis im Kinderbetreuungsatlas – doch was wie ein Grund zum Feiern klingt, offenbart bei genauem Hinsehen erhebliche Lücken. Die Bewertung sagt lediglich aus, dass es verschiedenste Betreuungsangebote gibt – nicht aber, ob auch genügend Plätze für alle Familien vorhanden sind. Leoben muss den Anspruch haben, allen Kindern tatsächlich einen Platz zu bieten – unabhängig vom Alter, dem Zeitpunkt der Anmeldung oder der familiären Situation. Gerade für unsere Kleinsten darf es nicht nur um Mindeststandards gehen. Für sie darf es auch einmal „zu viel“ sein: mehr Platz, mehr Zeit, mehr Betreuung – einfach mehr Zukunft.

In einem aktuellen Social-Media-Beitrag betont der Bürgermeister der Stadt Leoben, dass Leoben im Kinderbetreuungsatlas 2025 der Arbeiterkammer Steiermark mit der Bestnote „1A“ ausgezeichnet wurde. Dieses Ergebnis wird als Beleg für ein verlässliches, leistbares und durchgängiges Kinderbetreuungsangebot in der Stadt dargestellt. Diese Interpretation greift jedoch deutlich zu kurz und führt zu einem verzerrten Bild der tatsächlichen Betreuungssituation vor Ort.

Denn: Die im Kinderbetreuungsatlas vergebene Note „1A“ gibt lediglich Auskunft darüber, dass gewisse Betreuungsformen grundsätzlich in einer Gemeinde vorhanden sind – nicht jedoch darüber, ob auch ausreichend Plätze zur Verfügung stehen oder wie gut das Angebot tatsächlich zur Lebensrealität der Familien passt. Bewertet wird, ob es irgendein Angebot für unter 3-Jährige (z. B. Krippe, Tageseltern), irgendeinen Ganztagskindergarten mit mindestens acht Stunden Öffnungszeit an vier Tagen pro Woche sowie irgendeine Nachmittagsbetreuung für Volksschulkinder bis mindestens 15 Uhr gibt. Entscheidend dabei: Wenn es in einer Gemeinde mehrere Einrichtungen gibt, wird stets die längste Öffnungszeit herangezogen – unabhängig davon, wie viele Kinder diese tatsächlich nutzen können. Im AK Kinderbetreuungsatlas wird eben gerade darauf hingewiesen, dass Bedarf und Angebot NICHT verglichen werden, sondern die bestehenden Kinderbetreuungsangebote bewertet werden. Dieser wesentliche Punkt findet im Facebook Post des Bürgermeisters allerdings keine Erwähnung

(https://kinderbetreuungsatlas.akstmk.at/index.html?apaview=entity:60000-content:bewertungskriterien-subcontent:empty-filter:false-year:2025-subpage:false)

Auch bei den Jahresöffnungszeiten ist nicht ausschlaggebend, ob alle Familien während der Ferien Betreuungsplätze für ihre Kinder erhalten, sondern lediglich, ob grundsätzlich in irgendeiner Einrichtung der Gemeinde ein Ferienangebot besteht. Ebenso wenig berücksichtigt werden personelle Engpässe, eingeschränkte Gruppenaufnahmen oder die oftmals langen Wartelisten, die gerade im Bereich der Kinderkrippen und schulischen Nachmittagsbetreuung auch in Leoben weiterhin Realität sind.

Die Vergabe der Note „1A“ bedeutet also lediglich, dass bestimmte strukturelle Mindestkriterien erfüllt werden – sie sagt jedoch nichts darüber aus, wie viele Kinder tatsächlich einen Betreuungsplatz erhalten, ob die Öffnungszeiten familiengerecht sind oder ob das Angebot auch in der Ferienzeit durchgehend nutzbar ist. Die Darstellung, Leoben sei damit in Sachen Kinderbetreuung „topversorgt“, verschleiert diese Differenzierung und blendet reale Versorgungslücken aus.

„Wir erkennen ausdrücklich an, dass Leoben in den vergangenen Jahren wichtige Schritte im Bereich der Kinderbetreuung gesetzt hat. Aber es braucht mehr als Mindeststandards – es braucht ein bedarfsgerechtes Angebot, das allen Familien zugutekommt und echte Planungssicherheit bietet. Dazu gehören genügend Plätze für alle Altersgruppen, flexible Öffnungszeiten, verlässliche Betreuung in den Ferien und eine nachhaltige Personalpolitik. Dafür setzen wir uns ein – mit Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Eltern und Kinder in unserer Stadt“, so Stadtrat Reinhard Lerchbammer

Abschließend muss klar sein: Wenn Leoben auch in Zukunft ein attraktiver Wohn- und Arbeitsort für junge Familien sein will, dürfen schöne Bewertungen nicht über bestehende Herausforderungen hinwegtäuschen. Es braucht den politischen Willen, vorausschauend zu planen und deutlich mehr in den Ausbau der Kinderbetreuung zu investieren – personell wie strukturell.

Wir müssen in den kommenden Jahren klar priorisieren, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Leoben zu jedem Zeitpunkt gewährleistet ist“, betont Vizebürgermeister Reinhard Lerchbammer. „Dazu gehört nicht nur eine solide Grundversorgung, sondern auch genügend Kapazitäten, um auf unterjährige Nachfragen und kurzfristige Bedarfsspitzen flexibel reagieren zu können. Nur so schaffen wir echte Sicherheit für Eltern – und faire Chancen für jedes Kind.“

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